Image
Image
Image


• Gleiche Rechte
Art mal anders
Erfindungen
Dialog
Wildwuchs
Der neue Film

Bilder 2010

Gleiche Rechte

 

Gedanken zur Ausstellung  „Gleiche Rechte für Behinderte“ in der Offenen Kirche Elisabethen in Basel

An der Ausstellung „Gleiche Rechte“ werden Werke von drei international bekannten Künstlern gezeigt. Hans Witschis Selbstportraits, die in den 80er Jahren entstanden sind, Photographien von Artur Zmijewski und Bilder von Ernesto Weber.

Einige Bemerkungen zu den Bildern

Bereits im Vorfeld der Ausstellung, während der Vorbereitungszeit waren viele Bemerkungen zu hören, gab es Reaktionen auf die auszustellenden Werke. Die Reaktionen waren sehr konträr. Ich möchte einige hier zitieren:

„ Oh je, das mit diesen Photographien geht mir aber wirklich zu weit, damit möchte ich mich jetzt nicht auseinander setzen“
„Diese Photographien finde ich faszinierend, dem Künstler ist es gelungen die Schönheit eines behinderten Menschen sichtbar zu machen. Das, was der eigentliche, dahinterliegende(stehende) Mensch ist, der nicht einfach nur Körper ist, wird sichtbar.“
„Unglaublich diese Kraft und Unverstelltheit Hans Witschi’s Selbstportraits“
„Das kann man aber nicht machen, ein Plakat mit Witschi total nackt, und das hängt dann vor der Kirche und im Tram! Das wirkt sich doch kontraproduktiv auf das Anliegen aus die Behinderten-Gleichstellung mit der Ausstellung zu unterstützen!“
„Erstaunlich, wie Ernesto Weber blind solche Bilder zustande bekommt, man spürt sein Können“
„Vielleicht sollte der das Malen nun doch besser sein lassen, es ist halt nicht mehr dasselbe, wenn einer blind malt....“

Seh- und Denkgewohnheiten brechen

Um was geht es also an dieser Ausstellung ?
Die Ausstellung möchte durchaus provozieren, Sehgewohnheiten brechen und..... anstössig sein. Anstössig sein im Sinne von anstossen über gewisse Dinge, die da sind nachzudenken, ihnen nicht auszuweichen, in einen Prozess zu kommen, viele Fragen zuzulassen und nach Antworten zu suchen. 2003 ist das Europäische Jahr der Menschen mit einer Behinderung, alleine in der Schweiz leben rund 700 000 Menschen mit einer Behinderung. Schauen wir doch hin, nicht weg.
Artur Zmijewski und Hans Witschi laden uns ein sich schonungslos und ohne Tabus mit „Behinderung“ auseinander zu setzen. Der blinde Maler Ernesto Weber nimmt uns mit auf seine innere Reise.
Allen Künstlern gemeinsam ist es das Recht auf Selbstbestimmung und die Würde des Menschen ins Zentrum zu stellen.

Was sehen wir denn, wenn wir die ausgestellten Werke  betrachten ?
Wir sehen nackte, körperbehinderte Menschen, unverstellt dargestellt. Sie sind wie sie sind . Wir sehen Bilder, die erahnen lassen, dass da einer etwas vom Handwerk des Malens versteht, erleben die Kraft, die aus den Bildern spricht. Wir werden mit dem Schmerz des blinden Malers konfrontiert, das, was er malt nicht korrigieren zu können, keine Kontrolle über das Gemalte mehr zu haben.
Sehgewohnheiten brechen ? Ja! Aber nicht nur Sehgewohnheiten, auch Denkgewohnheiten und Verhaltensmuster, die wir uns aufzwingen lassen, von denen wir uns befreien können.
Betrachtet man die Werke, entsteht unweigerlich auch die Frage nach wirklicher Schönheit, nach der Vielschichtigkeit des Menschen. Ist der Mensch denn nur Körper? Ist es möglich einen Menschen vollkommen nackt  darzustellen ohne das Schamgefühl zu verletzen. Was ist Scham?

Scham schützt uns davor zu erkennen, was wir noch nicht erkennen sollen oder noch nicht dazu bereit sind zu erkennen. Die Lust Scham zu übergehen führt zu Exhibitionismus. Sich in die Scham bewusst hineinzustellen führt zu Unverstelltheit, führt uns zum „nehme dich an wie du bist“ und „erkenne dich selbst“. Und das setzt Ich-Stärke voraus, eine Ich-Stärke, die ganz deutlich in den Selbstportraits zum Ausdruck kommt.
Die Photographien und die Selbstportraits lösen auch Fragen nach der Erotik und Sexualität eine behinderten Menschen aus. Peter Wehrli ,Psychologe und Leiter des Zentrums für selbstbestimmtes Leben, selber körperbehindert, meint dazu: „Ein behinderter Mensch hat selbstverständlich sexuelle Bedürfnisse wie jeder andere Mensch auch. Warum soll das nicht so sein? Und es ist eine Tatsache, dass ein grosser Schmerz damit verbunden ist, keinen (mediengerecht) erotisch anziehenden Körper zu haben. Das muss man gar nicht totschweigen. Die auf dieser Ebene, der körperlichen, fehlende oder mangelnde erotische Anziehungskraft muss man dann umso mehr mit einem besonders grossen Selbstvertrauen und anderen seelisch-geistigen Qualitäten ausgleichen.“ Und das anzustreben wäre doch auch für nicht-körperbehinderte Menschen nur vorteilhaft.....Die Frage , was ist Erotik? Erotik wird nämlich ursprünglich definiert als das seelisch-geistige Geschehen zwischen zwei Menschen.....nicht das rein körperliche Geschehen. Geht uns das nicht alle an?

Schwerpunkt aufrechter Mensch

Die „Berechtigung“ die Selbstportraits und die Photographien mit ihrer schonungslosen Unverstelltheit zu zeigen liegt darin, dass sie dem Betrachter deutlich machen, um was es uns allen schlussendlich geht: Sich so anzunehmen wie man ist, sich aufrecht „hineinzustellen“ (in den eigenen Körper, in auch auswegslos erscheinende Situationen). Dieser Kampf mit der Aufrechten geht uns alle an. Jeder Schritt in diese Richtung setzt seelisch-geistige Kräfte frei, Kräfte die dem, der sich auf die Bilder und Photographien einlässt deutlich erlebbar werden.

Solidarität

Artur Zmijewskis Photographien zeigen einen weitern wichtigen Aspekt des Menschseins: Solidarität, freilassende, „ergänzende“(wer ergänzt wen und wie? ) Solidarität, mitfühlend, zärtlich fast. Den andern stützen ohne ihn zu bestimmen, zuzulassen gestützt zu werden unter der Bewahrung der eigenen Integrität.

Sich dem Schmerz stellen

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Auseinandersetzung mit Schmerz, zu der die Ausstellung auch anregen will.  Da ist zum Beispiel der bereits oben erwähnten Schmerz des blinden Malers, der Schmerz keine Kontrolle mehr zu haben über das von ihm sichtbar gemachte.
Oder der Schmerz überhaupt einen behinderten Körper zu haben. Oder ganz realer physischer Schmerz, den eine körperliche Behinderung mit sich bringen kann. Aber auch der Schmerz eines Menschen, der Ausgrenzung erlebt, weil er immer wieder Grenzen überschreitet, in psychotische Zustände eintaucht und Erfahrungen macht, die er nur mit wenigen anderen Menschen teilen kann. Wie gehe ich damit um, sei es als Betroffener selbst, sei es als Mensch, der einem Menschen mit einer Behinderung begegnet. Ist Begegnung im tieferen Sinn überhaupt möglich ohne darauf einzugehen? Wie kann ich mich auf dieses stark tabuisierte Thema einlassen ohne in Mitleid einerseits oder in Überbetonung von „er/sie ist aber doch immer so fröhlich und aufgestellt“ zu verfallen? Ob und wie man sich mit Schmerz (dem eigenen oder dem anderer Menschen) auseinandersetzen kann oder will, ist etwas, das jeder für sich entscheiden muss.
Auch das etwas, dass schlussendlich uns alle etwas angeht.

Behindertenbonus – nein danke!

Ein Problem, dem künstlerisch tätige von einer Behinderung betroffenen Menschen immer wieder begegnen ist, die „Reduktion“ auf die Behinderung. Ein Mensch, der von einer Behinderung betroffen und KünstlerIn ist, möchte das sein künstlerisches Werk ernst genommen und als solches respektiert wird. Das schliesst auch ehrliche (und konstruktive) Kritik mit ein, also Behindertenbonus – nein danke! Zitat Hans Witschi:“ Eigentlich ist in diesem Zusammenhang der „Behindertenbonus ein Behindertenmalus“- Eine Behinderung ist nicht eine Entschuldigung sich dem Kunstdiskurs zu entziehen. Man muss schon wissen, was man macht. Dekoration, Geschäft oder eben Kunst. Streng genommen trifft der Begriff des behinderten Künstlers auf all diejenigen zu, die sich nicht der wahren Reflexion des Daseins und den damit verbundenen Zusammenhängen stellen. Die Grenze von Behinderung und Nicht-Behinderung verlaufen von diesem Gesichtspunkt aus gesehen komplett anders.

Befreite Kräfte

Zum Abschluss noch folgende Bemerkung: Das oben erwähnte sich-selber-Annehmen, die Annahme des eigenen imperfekten Körpers, oder eben des eigenen Schmerz – bedeutet keineswegs den Verzicht auf die Freude am Leben. Vielmehr  kann es dazu führen gesellschaftliche Vorschriften lustvoll zu überschreiten – was unglaublich befreit und Kräfte entfesselt, die wir alle – aber im speziellen die hier ausgestellten Künstler, die sich so intensiv damit auseinandersetzen – der Gesellschaft wieder zurückgeben können. Der freie Zugang geschieht eben in Wirklichkeit in unseren Köpfen- und die hier ausgestellten Künstler erlauben uns allen – ob selber behindert oder nicht – einen neuen, von Barrieren befreiten Zugang zu uns selbst und unserer Menschlichkeit.

Für Seneparla
Veronika Kisling

image




image
image